Der Untergang des Abendlandes

Gestern, am Freitag, den 15. Januar 2015 um 21:15 Uhr war es endlich wieder so weit. RTL hat das diesjährige Dschungelcamp eröffnet. „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ geht nach einem Jahr Wartezeit in seine zehnte Saison. Und ich muss gestehen, ich habe mich lange nicht mehr so sehr auf den Start der neuen Staffel einer Show gefreut, wie jetzt.

Nein, das ist eigentlich falsch. Ich muss das nicht gestehen, ich erzähle das einfach so, ohne mich zu schämen, zu rechtfertigen oder sonst irgendetwas. Denn ich mag die Sendung. Sehr gerne. Ich mag das Konzept. Ich mag die Moderatoren. Ich mag sogar einige der Kandidaten. Ich mag die Zickereien zwischen den Kandidaten. Ich mag die menschlichen Momente. Ich mag die Prüfungen. Ich fiebere gerne mit, wenn Kandidaten durch das Publikum rausgewählt werden. Ja, ich habe auch Spaß an den Dschungelprüfungen, eklig oder einfach nur körperlich fordernd. Die Sendung bringt mich zum Lachen. Genau das richtige, um einen u. U. anstrengenden und nervigen Tag entspannt auf der Couch ausklingen zu lassen. Und was die Sache irgendwie noch etwas besonderer macht, ist das gemeinsame Sehen, Kommentieren und Lachen mit fremden und nicht ganz so fremden Menschen bei Twitter.

Selbstverständlich sehen das nicht alle so. Ich habe das Gefühl, bei kaum einer Fernsehshow sind die Geister so gespalten, wie beim Dschungelcamp. Hier die Fans, die „Genießer“, die Leute, die sich mancherorts zu Public Viewings zusammenfinden, die keine Sekunde der zwei Wochen verpassen, die ihre favorisierten Kandidaten haben, die sie anfeuern und sich einfach an der Show erfreuen. Dort die (teilweise) selbsternannte intellektuelle Oberklasse, die den Untergang des Abendlandes wittert, wenn Menschen im Fernsehen Maden essen, die Leute, die sich davor ekeln, oder einfach nur die, die die Show einfach nicht interessiert oder die einen anderen Humor haben.

Alles gut, alles nicht tragisch. Was mich nur immer häufiger wundert, ist die Arroganz und Überheblichkeit, mit der Teile der „Nicht-Seher“ zu Werke gehen. Ähnlich wie man sich scheinbar als stolzer Twitterer den Benutzern von Facebook intellektuell überlegen fühlt, begleitet man bei Twitter auch seine zahllosen Tweets, in denen man die Welt wissen lässt, dass man sich das Dschungelcamp selbstverständlich nicht und niemals anschaut und alle entsprechenden Hashtags geblockt hat, gerne mit Begriffen wie „dumm“, „lächerlich“, „Klumpert“, „Behämmerte“, „Verdummung“ … die Liste könnte wohl noch ewig so weiter gehen. Besonders wichtig scheint es auch zu sein, allen mitzuteilen, was man sich denn stattdessen so anschaut im Fernsehen. Gerne auch garniert mit dem Hashtag #IBES, damit der Tweet auch möglichst häufig gefunden wird und die ach so schreckliche, volksverdummende Show einem noch ein paar Likes beschert. Und wenn man dann ganz verzweifelt ist und einem das auch nicht reicht, dann versucht man sich eben krampfhaft in kruden Politisierungen des „heißen Themas“, in dem man einfach mal die Zuschauer der Show z.B. mit Anhängern von Jürgen Todenhöfer gleichsetzt, wie der um Aufmerksamkeit bettelnde FDP-Politiker Tobias Huch. Die Show eine halbe Stunde vor Ende der ersten Folge der neuen Staffel zu beerdigen und als Begründung dafür u.a. die tragischen Ereignisse der Weltgeschichte in den letzten Monaten heranzuziehen, das gelingt auch nur dem Berliner Boulevard. Extra3 hat übrigens ein schönes IBES-„Hater“-Bullshit-Bingo zusammengestellt, das sich sehr schnell füllen lassen dürfte. Hier gibt’s das zu finden, viel Spaß.

Wie dem auch sei, wenn Menschen damit glücklich werden, sich anderen geistig überlegen zu fühlen, weil sie abends in Gammelklamotten auf der Couch keine polnisch-albanische Co-Produktion mit serbokroatischen Untertiteln anschauen, dann soll das gerne so sein. Ich mag schließlich auch nicht alles, was so im Fernsehen läuft. Allerdings bin ich in der glücklichen Lage, dieses kleine Wundergerät namens Fernbedienung zu benutzen, mit denen sich Sender wechseln lassen oder der Fernseher einfach ausschalten lässt.

Heute Abend werde ich aber, wie in den kommenden zwei Wochen auch, mit Freude um 22:15 Uhr die Taste 3 auf meiner Fernbedienung drücken und RTL einschalten, denn ich habe nicht vor, mich intellektuell fordern zu lassen, sondern möchte gerne unterhalten werden. Und genau das erledigt das Dschungelcamp auf ganz hervorragende Art und Weise: Es sorgt für Unterhaltung. Danke dafür.

2016-01-16T21:54:50+00:00 16. Januar 2016|Medien, Persönlich, Social Media, Twitter|

Leave A Comment

%d Bloggern gefällt das: