Ach Twitter!

Ach Twitter, oder sollte ich  vielleicht besser sagen, ach liebe Leute bei Twitter?

Ich mag Twitter gerne, wirklich sehr gerne. Ich finde hier Nachrichten ziemlich zeitnah, deutlich schneller als im Radio oder im Fernsehen; ich  kann mich informieren, worüber auch immer ich möchte: Politik, Sport, Design, Popkultur, was auch immer; ich habe einen ganzen Haufen wirklich toller Menschen kennengelernt. Und das Beste ist: Alles ist vollkommen frei, kostenlos, ohne Verpflichtungen und wenn ich keine Lust drauf hab, dann bleib‘ ich halt weg, bis sich das ändert. Und danach sind die, die wirklich wichtig sind, auch noch da. Also eigentlich alles wunderbar. Ich habe mich im Oktober 2015 auch schon einmal hier zu dem Thema geäußert, deshalb will ich gar nicht zu viele Punkte aus diesem Beitrag wieder aufgreifen.

Damals endete ich allerdings mit einem „Tbc … vielleicht, mal sehen“ und in der letzten Zeit habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass ich gerne mal wieder etwas sagen möchte, was mir eher negativ auffällt und das in mehr als 140 Zeichen.

Ich überlege seit Tagen, wie ich anfangen soll, wie genau ich ausdrücken kann, was mich zunehmend stört. Wahrscheinlich lasse ich einfach mal wieder alle Gedanken in die Tastatur fließen, auch auf die Gefahr hin, Struktur und Übersichtlichkeit einzubüßen. Vielleicht fange ich erstmal damit an, dem Kind einen Namen zu geben. Allerdings ist schon das gar nicht so einfach, da ich die Gründe nicht wirklich verstehe, die Leute dazu bringen, sich so zu verhalten, wie sie es tun. Naja, aber ohne Namen geht es ja nicht wirklich, also versuche ich es einfach mal mit „(Gezwungener) Negativität“.

Natürlich kann und soll jeder soziale Netzwerke so nutzen, wie er oder sie möchte, natürlich geht mich das einen Dreck an, natürlich liegt es an mir selber, meine Timeline so zusammenzustellen, dass sie mir angenehm ist. Und genau das tue ich auch. Ich schaue immer genauer hin, wie viele Tweets auf mich wirken, was sie bei mir bewirken und wie sie mich fühlen lassen. Und genau deshalb fällt mir diese „Negativität“ mehr und mehr auf. Negativ.

Ich rede nicht davon, keine negativen Dinge, keine schlechten Nachrichten zu verbreiten. Wer wäre ich, so einen Müll zu fordern. Die Welt ist so, wie sie ist und, gerade im Moment, alles andere als ein Ponyhof. Wenn es euch befriedigt, haut euch meinetwegen den ganzen Tag das Elend der Welt um die Ohren und bestätigt euch selber in der Filterblase, indem ausführlich jede kleinste Wasserstandsmeldung aus Krisengebieten an Gleichdenkende weitergeleitet wird. Alles ok.

Und natürlich soll auch jeder, wenn der Sinn danach steht, seine schlechte Laune, seinen Frust oder seine Trauer in die Twitter-Welt schreien. Es soll helfen, sowas rauszulassen, es gibt wirklich oft aufmunternde Reaktionen und auch ich habe manchmal schlechte Tage und kotze mich in 140 Zeichen aus.

Was mich aber wirklich stört, und zwar so sehr, dass ich denke, nein, so will ich das hier für mich persönlich nicht mehr haben, so macht ihr mir „mein“ Twitter kaputt, ist dieses permanente Dagegen-Sein, dass sich in meinen Augen mehr und mehr breit macht und das ich einfach nicht verstehen kann und ehrlich gesagt auch nicht verstehen will. Verratet mir doch einfach, was sich so gut daran anfühlt, Menschen, die ihr überhaupt nicht kennt, ungefragt vor die Füße zu kotzen. Jemand postet ein Foto von seinem Outfit des Tages, teilt mit, welches wohlriechende Duschbad gerade für angenehm und schön befunden wird oder welche Musik einen gerade persönlich sehr berührt. Natürlich stößt das nicht überall auf die gleiche Begeisterung, vollkommen klar, soll es ja auch gar nicht. Wenn aber aus bestimmten Ecken generell als einzige Antwort ertönt „Aaaaaaaber … das finde ICH scheiße, das da ist doch total hässlich, die Band ist doch vollkommen uncool und lächerlich!“, dann frage ich mich schon, was genau ist jetzt der Sinn und Zweck dieser kostbaren Mitteilung? Fühlen sich Menschen dadurch besser, überlegen, „cooler“? Oder ist es ein Ruf nach Aufmerksamkeit oder ein innerer Zwang, die nächsten 140 Zeichen in den Äther zu schießen, ohne wirkliches Interesse an ehrlicher Kommunikation oder Meinungsaustausch? Möchtest du mit deiner Äußerung bewirken, dass ich mich schlecht fühle? Macht es dich persönlich glücklicher, negative Dinge zu streuen? Ich weiß es nicht, ich verstehe es nicht. Neulich habe ich bei Twitter einen Artikel über „Social Media-Tipps für Einsteiger“ gefunden (leider finde ich den Link im Moment nicht), da gab es einen Tipp, der sagte: Wenn du nichts nettes zu sagen hast, sag es wenigstens leise. Gefiel mir ganz gut. Kirsten Corley geht auf Elite Daily sogar noch einen Schritt weiter und sagt „Wenn du nichts nettes zu sagen hast, dann halt besser ganz die Klappe“. Ein kleiner Tipp könnte ja sein „Beobachte dich doch mal eine Weile selber und finde heraus, ob dein Rumgekotze dich wirklich glücklicher macht.“

Aber es sind nicht nur die „Replies aus der Hölle“, die vor Negativität strotzen. Was ich eigentlich genau so unangenehm finde, sind Beiträge, die sich scheinbar nur noch damit beschäftigen, sich über Gott und die Welt zu beschweren, mitzuteilen, wie blöd/hässlich/schlecht/dumm/albern/widerlich man bestimmte Dinge findet, wie Pawlows Hund auf bestimmte Stichwörter anzuspringen und andere Menschen dahingehend zu beschimpfen, sich gegenseitig in seiner Negativität zu bestätigen. Es ist vollkommen egal, worum es geht. Musik, Sport, Mode, Politik, die Liste ist schier unendlich. Einfach alles, wozu man eine positive Meinung haben kann, oder was man einfach nur schön findet, wird dir garantiert (wenn auch nicht persönlich, sicher aber indirekt) irgendwann von irgendwem um die Ohren gehauen, dir „gezeigt“, wie scheiße doch alles ist, was für einen lächerlichen, ungebildeten Geschmack du doch besitzt. Viele mögen sich da hinter dem Schutzschild des Zynismus oder der Ironie verstecken, das aber ziemlich schnell durchrostet, wenn es nur als Ausrede für programmatisches Empören missbraucht wird.

Revolverheld kann kein normaler Mensch gut finden! Guck doch mal, wie lächerlich der Lanz sich schon wieder macht! Ach, der Fipsi Lahm und sein lächerlicher Agentur-Twitter-Account! Helmut Schmidt ist gestorben, sehr viele finden es traurig, AAAAAABER ICH habe was Negatives zu sagen! Sky Go geht schon wieder nicht, was für eine Unverschämtheit! Dieses alberne Fußball-Länderspiel guckt ihr doch nicht ernsthaft! Und, und, und …

Ehrlich, das macht euch glücklich, das bereichert euren Tag? Wenn dem wirklich so ist, dann sei’s drum, ich muss nicht alles verstehen. Mir persönlich fällt jedenfalls mehr und mehr auf, wie wenig wirklich durchgehend positive, Dinge bejahende Tweets ich in meiner Timeline finde. Was ist denn so schwer daran, einfach mal zu sagen „Das finde ich toll, das hier lecker, das ist wunderschön, dieses Lied berührt mich sehr“? Ich fühle mich damit sehr viel wohler, mir gibt es ein besseres Gefühl, einfach auch mal schöne Dinge zu teilen und vielleicht anderen Menschen damit eine Freude zu bereiten oder sie zum Lächeln zu bringen. Und genau so freue ich mich mehr und mehr über Tweets, bei denen ich denke „Wow, das ist toll“ oder die mich zum Lächeln, zum Lachen oder auch gerne vor Rührung zum Weinen bringen. Vielleicht werde ich mit zunehmendem Alter ja doch noch zum Hippie, ich habe aber nicht vor, von den schönen Dingen abzulassen, die mich bereichern.

Und wie der Zufall es so will hat Javier Villegas, dem ich bei Instagram folge, gerade gestern unter eines seiner Fotos dieses Zitat von Karl Marx gesetzt, dem ich absolut nichts mehr hinzuzufügen habe:

„Surround yourself with people who make you happy. People who make you laugh, who help when you’re in need. People who genuinely care. They are the ones worth keeping in your life. Everyone else is just passing through.“

 

2015-12-14T16:11:48+00:00 13. November 2015|Internet, Persönlich, Twitter|

One Comment

  1. Silver bells | Oliver Wilke 14. Dezember 2015 at 16:46 - Reply

    […] Zynismus und Boshaftigkeit hervor, die mich doch ganz intensiv an dieses Zitat erinnert, das ich an anderer Stelle schon einmal erwähnte: „Wenn du nichts nettes zu sagen hast, dann halt besser ganz die […]

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